Interkulturelle Rezeption am Beispiel Isang Yuns (2001)






Fazit


Es ist hier nicht der Raum für ausführliche musikalische Analysen der Musik Yuns, aber ich möchte versuchen eine Idee von der Art und Weise zu geben, wie ich mir eine solche Analyse vorstellen könnte. Sie dürfte sich keinesfalls nur auf den Notentext beschränken, denn nur ein Bruchteil der interkulturellen Rezeptionsprozesse, die der Niederschrift vorangegangen sind, sind dann auch dem Notentext entnehmbar, was aber nicht heisst, dass sie damit bedeutungslos geworden wären. Wenn wir Yuns Musik tiefer, genauer verstehen wollen, brauchen wir einen neuen Forschungsansatz, der historisches und musikethnologisches Wissen vernetzt und zugleich eine noch deutlich umfassendere Verfügbarkeit schriftlicher Quellen (Übersetzung koreanischer Schriften von und über Yun; verstärkter Austausch westlicher und koreanischer Forschung; Sammlung und Herausgabe von Yuns Schriften und Briefen) und den Aufbau einer oral history (systematisch geführte Interviews mit Zeitzeugen etc.) beinhaltet. Die Ziele davon wären unter dem hier akzentuierten Aspekt der Interkulturalität folgende:

-Verfassen einer detaillierten Chronologie von Yuns Begegnung mit westlicher Musik/Kultur und koreanischer/ostasiatischer Musik/Kultur.
-Eine möglichst detailgetreue Rekonstruktion von Entstehungsprozessen einzelner Werke, insbesondere einiger Schlüsselwerke; dabei wäre zu berücksichtigen:
-welche Recherchen hat Yun im Vorfeld der Komposition betrieben; woher stammten seine Informationen? (Ich habe versucht, mit der Recherche über Yuns Radiosendungen in den frühen 1960er Jahren diese Forschung zu beginnen).
-wie genau sind diese Informationen über westlichen / koreanische Musik in das jeweilige Werk eingeflossen?

Offen lassen will ich hier die Frage, wie sich die hier implizit geforderte Brüchigkeit des Interkulturellen musikalisch, kompositorisch konkret kommunizieren lässt? Auf diese Frage gibt es gewiss viele Antworten und es ist natürlich nicht allein damit getan, Instrumente der unterschiedlichen Kulturen zu verbinden oder zu konfrontieren. Die weiterhin nur wenig in Frage gestellte Dominanz des westlichen kulturellen Bezugssystems ist mir jedenfalls in meinen Analysen aller Komponisten immer wieder aufgefallen; Yun mag viel davon geahnt haben, wenn er sagte:

"Wir Asiaten sind viel länger in unserer Tradition geblieben, weil wir zufrieden waren, und jetzt nähern wir uns sehr eilig und unvorsichtig der europäischen traditionellen Musik. Ob das aber so weitergehen soll oder ob wir nicht doch in unserem musikalischen Kosmos etwas finden können, womit wir die Welt zu bereichern vermögen?"(7)


(7) Yun 1997, 300.

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