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Interkulturelle Rezeption bei Yun: Versuche von Antworten
Der Fall Isang Yuns ist in dem dargestellten Rahmen ohne Zweifel von besonderem
Interesse. Es geht bei Yun spätestens seit dem Beginn seines Aufenthalts
in Europa um die Problematik, eine kompositorische Identität zu finden,
die koreanische Herkunft/ Vergangenheit und europäische/deutsche
Gegenwart zugleich enthalten kann. Den unausweichlichen Bezugsrahmen dieser
Identitätssuche bildete dabei die deutsche Gegenwart der 1950er bis
1990er Jahre, ein Bezugsrahmen, dem höchste Bedeutung zukommt, wie
die Untersuchungen des letzten Yun-Symposions in Leipzig (Sparrer, Howard)
verdeutlicht haben. Der kulturelle Bezugsrahmen während der ersten
40 Lebensjahre Yuns in Korea und während seiner Studien in Japan
dagegen war deutlich gebrochener und untrennbar mit der Modernisierung
der ostasiatischen Gesellschaften nach westlichen Modellen und der repressiven
japanischen Kolonialherrschaft in Korea verknüpft.
Vor diesem Hintergrund möchte ich nun zunächst versuchen, die
erste der eingangs aufgelisteten Fragestellungen anhand von Yuns Beispiel
zu diskutieren. Grundlage meiner Überlegungen bildet dabei die Musik
Yuns vor 1975, also die Werke, von denen allgemein angenommen wird, dass
koreanische/ostasiatische Traditionen in ihnen eine bedeutende Funktion
einnehmen und ihnen damit Relevanz für die Diskussion von Interkulturalität
zukommt – was für die späteren Werke mit ihrer Rückkehr
zu westlichen Konventionen sicher nicht ohne weiteres behauptet werden
kann. Es sei gleich vorausgeschickt, dass ich hier keine Werkanalysen
biete; ich beziehe mich auf bereits vorliegenden Untersuchungen; abschließend
möchte ich dennoch einige Perspektiven für die Ziele künftiger
Analysen der Musik Yuns skizzieren.
Wie hat Yun nun die Frage des kulturellen Eigenen und des kulturellen
Anderen gelöst? Zunächst fällt auf, dass er zumindest verbal
die Gegensätzlichkeit zwischen "Ost und West" immer sehr
scharf gezeichnet hat. Eine der zahlreichen Äußerungen, die
in diese Richtung weisen, lautet etwa: "Der Westen ist mehr werkbezogen,
Asien mehr von der Intuition getragen, mit all den kleinen Färbungen,
Melismen und Verzierungen. Der Westen akzentuiert die Struktur und die
Form, der Osten die tragende Lebendigkeit der Musik."(5)
Eine ähnliche Gegenüberstellung, hier übertragen auf den
Gegensatz koreanische – europäische Musik findet sich auch
in einer bislang nicht bekannten Quelle, einer Radiosendung über
"Musik und Instrumente des alten Korea", die Yun 1963 für
den WDR anfertigte, hören Sie daraus eine kurze Textpassage, die
auf dieser Tabelle zusammengefasst ist: (Track 12).
>>FOLIE
 |
koreanische Musik |
europäische Musik |
| ZEIT |
kein Anfang, kein Ende
ruht
vollendet sich im Augenblick |
läuft ab
eilt
vollendet sich in der Zeit |
| EINZELTON |
unendlich lange
Gefäß lebendig strömenden
Gefühls
in naiver Freude artikuliert
stilisiert durch ausgeprägtes
dekoratives Kunstgefühl
lebendiger Pinselstrich der
Tuschemalerei |
empfängt Sinn aus dem Sinn des Ganzen
in funktionale Zusammenhänge
eingespannt
Glättung, Abstraktion
abstrakte Linie |
Es soll jetzt hier nicht in erster Linie darum gehen, diese uns wohl
heute teilweise sehr pauschal erscheinenden Dualismen zu korrigieren;
würde man heute z.B den Satz stehen lassen, der Ton in der westlichen
Musik sei immer in "funktionale Zusammenhänge eingespannt"?
Und ist der koreanische Ton nur "in naiver Freude artikuliert",
ist er nicht vielmehr auch Teil eines strukturellen Gerüstes, das
in manchen Genres eine beträchtliche Komplexität aufweisen kann?
Gerade in diesen Formulierungen mag ein post-kolonialistisches Muster
deutlich werden, das eingangs angedeutet wurde: Das Eigene wird gewissermaßen
verharmlost, es ist das "Gefühl", das "Naive",
das "Dekorative", das mit ihm verbunden wird, das Westliche
dagegen zielt auf den "Sinn des Ganzen" und auf die "Abstraktion",
auf Rationalität also – von hier ist es nicht weit zu den pauschalisierenden
Gegenüberstellungen des Orientalismus des 19. Jahrhunderts, etwa
der von asiatischer "Gefühlskultur" und europäischer
"Verstandeskultur" (Hegel).
Wichtig ist es mir, diese Tendenz zur Konstruktion eines weitgehend homogenen
Eigenen und Anderen durch Yun festzuhalten. Entscheidend aber ist nun
die Beobachtung, dass Yun diese Gegensätzlichkeit in seiner Musik
keineswegs hörbar werden lässt. Denn seine Werke sind in sich
geschlossen, homogen und im Gegensatz zur traditionellen koreanischen
Musik sehr wohl mit dem europäsichen Bezugsrahmen vereinbar, in dem
sie entstehen. Oft wird das dadurch erklärt, Yun habe die Gegensätze
implizit werden lassen, sie seien in seinem persönlichen Personalstil
aufgegangen, so etwa in der folgenden Einschätzung aus der Neuausgabe
des MGG, Artikel "Korea":
"In seiner Musik zeigt Yun, dass koreanische Herkunft und Identität
auch in der Musiksprache avantgardistischer Klänge erkennbar werden
kann, nicht nur vordergründig durch Verwendung traditioneller Rhythmen,
Skalen oder Ornamente, oder durch Einbeziehung historischer Instrumente,
sondern durch ein in östlichen Philosophien verwurzeltes ästhetisches
Empfinden und geistige Inhalte, die zu einem unverwechselbar eigenem Stil
führen, der nicht asiatisch ist oder europäisch, sondern beides
zugleich. In diesem Sinne wurde Isang Yun Lehrer und Vorbild für
die nachfolgende Generation."(6)
Spontan ist man geneigt, dieser Charakterisierung zuzustimmen und doch
möchte ich in einem Punkt einhaken, der mir ein Schlüsselproblem
in der Diskussion des Interkulturellen insgesamt darzustellen scheint,
nämlich das Argument vom "Oberflächen-Substanz"-Dualismus.
Als das "Oberflächliche" gilt das vermeintlich "bloß
Technische", hier traditionell-koreanische musikalische Elemente
oder "historische" (gemeint sind hier wohl koreanische) Instrumente.
Das Substanzielle dagegen liegt im "ästhetischen Empfinden"
und den "geistigen Inhalten". In dieser Trennung von Geist und
Technik liegt das Kernproblem. Bei genauer Untersuchung wird rasch deutlich,
dass "Oberfläche" und "Substanz" in musikalischen
Zusammenhängen ebenso wenig wie "Geist" und "Technik"
zu trennen sind. Das wird anhand der traditionellen koreanischen Instrumente
besonders deutlich: die instrumentale Technik ist nicht von einer bestimmten
geistigen Haltung oder Verfassung zu trennen, mit der der Spieler den
Ton erzeugt, aber auch umgekehrt enthalten die Instrumente in sich bereits
das ganze Potential der Kultur, die sie hervorgebracht hat. Ist es nicht
eigentlich eine absurde Idee, koreanische Kultur ohne entsprechende koreanische
kulturelle Medien kommunizieren zu wollen? Wäre es etwa umgekehrt
vorstellbar den "Geist" Mozartscher Musik auf einer Kayagum
wiedererstehen zu lassen statt mit einem Streichquartett? Eine überspitzte
Frage, sicher, aber doch eine Aspekt des Themas, der für uns heute
sehr scharf sichtbar ist, da der permanente Austausch von Komponisten
und Instrumentalisten unterschiedlicher Kulturen heute möglich geworden
ist.
Es ist für uns heute also ziemlich offensichtlich, dass Yun sich
in einem europäsichen Bezugsrahmen bewegte und sich auch mit diesem
identifizierte, dass sein Blick "zurück" auf die koreanische
und ostasiatische Kultur europäisch, "regionalistisch"
geprägt war. Dem jeweils einheitlichen Bild, das er verbal von Asien
wie von Europa zeichnete ("Wir Asiaten", "in Europa"
etc.) entspricht auf kompositorisch-ästhetischer Ebene die Vagheit
seiner Rezeption, auf die auch Keith Howard hingewiesen hat, — die
Konstruktion archaischer, daoistischer, buddhistischer und schamanistischer
Gedanken und unterschiedlichster koreanischer Musikgenres ergibt einen
Komplex von sehr divergiereden Bezügen, die aber nur selten ethnografisch
konkret nachvollziehbar, identifizierbar werden. Die Zersplitterung, oder
besser die Ausbildung eines substantiellen Gegendiskurses zum dominierenden
westlichen Musikdiskurs wäre die Folge einer solchen stärkeren
Betonung von Authentizität im Detail, und das wird von Yun nicht
zuletzt durch sein Beharren auf der autonom-emphatischen Werkkonzeption
westlicher Prägung vermieden. Wir sehen seit den 1980er Jahren diese
Art des Gegendiskurses eher in manchen Werken jüngerer koreanischer
und anderer ostasiatischer Komponisten Gestalt werden.
(5) Yun 1997, 305.
(6) Bühler / Chu 1996.
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