Interkulturelle Rezeption am Beispiel Isang Yuns (2001)



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Vortrag bei der International Isang Yun Academy, Leipzig, 01.- 04.11.2001, am 02.11.2001


Christian Utz, Wien

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Interkulturelle Rezeption / Fragestellungen
Ich möchte hier einen Versuch unternehmen, das Komponieren Isang Yuns unter dem Aspekt des Interkulturellen bzw. der interkulturellen Rezeption zu beschreiben. Grundlage dafür bietet einerseits eine Theorie musikalischer oder kompositorischer Interkulturalität, die ich in meiner Dissertation entwickelt habe, andererseits meine Erfahrungen als Komponist und Dirigent in der Kooperation mit ostasiatischen Musikern und Komponisten. Was ist zunächst mit "interkulturelle Rezeption" gemeint? Mit "interkulturell" versuche ich die Interaktion zweier "Kulturen" zu fassen, aber meine damit im selben Moment auch eine mögliche Hinterfragung der Trennlinie zwischen diesen kulturellen Entitäten. Mit "Rezeption" ist hier die Aufnahme, Aneignung, Weiterverarbeitung kultureller Überlieferungen durch einen einzelnen Komponisten gemeint, aber auch in einem umfassenderen Sinn inner- und interkulturelle Verarbeitungs-Zyklen, die zur ständigen Veränderung und Neu-Definition kultureller "Codes" beitragen.
Zunächst möchte ich anhand eines Diagramms veranschaulichen, welches Spektrum durch dieses Thema abgesteckt werden kann. Als zentrale Kriterien der kompositorischen interkulturellen Rezeption, oder besser Fragestellungen, die anhand einzelner Werke oder Œuvres zu überprüfen sind, habe ich vor allem vier Bereiche unterschieden, unter denen ich mich in der Folge vor allem auf den ersten Bereich konzentrieren werde:

>>FOLIE 1: Rezeptionskategorien

1. Die Art der Konstruktion des kulturellen Selbst und des kulturellen Anderen durch den Komponisten.
2. Die relative Gewichtung interkultureller Rezeptionsprozesse innerhalb eines Werkes/Œuvres im Vergleich zu anderen künstlerischen Prozessen.
3. Die Bedeutung der Authentizität des Rezipierten (auch im Sinne der Problematisierung von "Authentizität" insgesamt)
4. Die Art des im Rezeptionsprozess enthaltenen transkulturellen Verstehens oder Missverstehens.

Bevor ich auf Isang Yun als konkretes Beispiel einer Anwendung dieses Theoriegerüsts eingehe, möchte ich kurz den Hintergrund dieser Kriterien oder Fragestellungen wenigstens andeuten. Ein wichtiger Ausgangspunkt ist, dass heute der Begriff "kulturell" in seiner allgemeinen Form brüchig und problematisch geworden zu sein scheint. Er bezeichnet bestimmte kollektive Identifikationsmuster, die von der heutigen Kulturtheorie tendenziell eher als durch einen Kodex historischer "Erzählungen" konstruiert und seltener als "essenziell", d.h. als von vornherein gegeben aufgefasst werden. In der Sicht dieses Konstruktivismus entspricht kulturelle Identität also keiner stabilen Realität, sondern ist vielmehr einem Prozess ständiger Neuerfindung und Neukonstruktion unterworfen, was insbesondere anhand des Phänomens "Nationalismus" offensichtlich wird.(1) Dieser Prozess der ständigen Neudefinition ist in den heutigen zunehmend multi-ethnischen Gesellschaften sehr offensichtlich und er wird von der Kulturtheorie in Begriffe wie mixed identities oder strange multiplicity gefasst.(2)
Es kann als Folge dieser Kulturtheorie gelten, dass., wie Edward Said es ausdrückt, die "binären Oppositionen, die dem nationalistischen und dem imperialistischen Denken so teuer waren"(3) , hinterfragt und durch komplexere Modelle ersetzt worden sind. Andererseits besteht kein Zweifel an der Kontinuität der Dichotomie eines "wir" und eines "sie", ja bisweilen deren Verschärfung im öffentlichen Bewusstsein, wie wir sie gegenwärtig besonders nachhaltig erleben. Said sieht in der allgemeinen Akzeptanz der Idee, "dass es eben ein 'wir' und ein 'sie' gibt, dass beide feststehen, deutlich, unanfechtbar, selbstverständlich sind"(4) eine der zentralen Kontinuitäten in der (post-)imperialistischen Sicht auf das "Andere" vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wichtig ist dabei zu sehen, dass diese Dichotomie nicht nur der Identitätsbildung der (ehemaligen) Kolonialmächte selbst, sondern ebenso derjenigen der (ehemals) kolonisierten Kulturen dient(e). Das daraus resultierende Geflecht verwickelter interkultureller Einflussnahmen, Abgrenzungen und Bezüge lässt somit eine "aseptische" Definition von Kulturen auf Kosten ihrer inneren Komplexität reduktionistisch, vereinfachend erscheinen und verkennt die lange zurückreichende Geschichte ihrer wechselseitigen Abhängigkeit. Solche Komplexitätsreduktion ist insbesondere charakterstisch für die autoritäre Konstruktion nationaler kultureller Identität zu politischen oder propagandistischen Zwecken, die Fülle von Beispielen dafür, im Westen wie in Ostasien, ist bekannt. In diesen Kontext gehören auch die Simplifizierung asiatischer musikalischer Modelle im europäischen Exotismus und im Frühstil komponierter ostasiatischer Musik, den Barbara Mittler mit dem treffenden Terminus "pentatonic romanticism" gefasst hat, und damit den vorrangigen kompositorischen Stil Ostasiens im 20. Jahrhundert beschrieben hat, der auf grob vereinfachten Skalen, Modellen, Melodien ostasiatischer Tradition im westlichen spät-romantischen harmonischen Gewand beruht – ein Stil, der seinerseits wiederum untrennbar mit dem hohen Politiserungsgrad neuer Musik in Ostasien verbunden war und ist.

(1) Vgl. Benhabib 1999 and Said 1994. Diese Theorie wurde vor allem im Rahmen jüngster Erforschungen des Nationalismus ausgearbeitet; vgl. Gellner, Ernest: Nationalismus. Kultur und Macht. Berlin 1999 (Erstveröffentlichung 1997) und Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Berlin 1998 (Erstveröffentlichung 1983). Ein grundlegende Theorie in diesem Umfeld bieten auch Hobsbawn, Eric/Ranger, Terence O.: The Invention of Tradition, Cambridge 1983.
(2) Vgl. Tully, James: Strange Multiplicity. Constitutionalism in an Age of Diversity. Cambridge UK 1995.
(3) Said 1994, 29.
(4) Ebda., 30.

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